Ein Kirchenfenster von 1864

Die Baugeschichte

Die Neugotiker waren mit der Beliebigkeit des Historismus nicht einverstanden. Sie wollten nicht nur nachahmen, sondern die architektonische Form sollte durch etwas Höheres bestimmt sein, das außerhalb der physikalischen Funktion des Bauwerks liegt. „In den mächtigen Bauwerken des Mittalters umherwandelnd, ergriffen von den erhabenen Formen, wollen wir mit heiliger Rührung der Kraft gedenken, die so große Werke unternommen und so trefflich ausführte.“ Schon die Baumeister der Früh- und Hochgotik (1140-1350) wollten mit ihren Bauten das Göttliche repräsentieren. Sie taten das sehr beeindruckend mit Licht (große farbige Fenster) und mit Höhe (schlanke Säulen, durchbrochene Wände, hohe Türme). Durchsetzen konnte sich die Neugotik in Deutschland in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts. Wie ein Aufbruchsignal wirkten die Grundsteinlegung zum Ausbau des Kölner Doms (1842) und die Vergabe des Bauauftrags der Nikolaikirche Hamburg (1846) an den Engländer Gilbert Scott. Damit war die Neugotik nicht mehr nur die christlich germanische Baukunst, sondern ein internationaler, auch in England, Amerika und Frankreich praktizierter Baustil. Scott sagte über seine Nikolaikirche: „Ich baue so wie die mittelalterlichen Künstler gebaut hätten, wären ihnen all die praktisch-technischen Fertigkeiten der Gegenwart zugänglich gewesen.“

Die Vorbereitungen für den Bau der Seulberger Kirche begannen um 1838. Man sparte einen Fond für den Bau einer neuen Kirche an. Es wurde zwar daran gedacht, die alte Kapelle zu renovieren, man kam aber zu der Einsicht, dass dabei von dem alten Bau nur ein erbärmliches Flickwerk übrig bleiben würde. An einem Sonntag, während des Gottesdienstes, stürzt ein beachtlicher Teil der Decke herab. Der Kirchturm hatte eine starke Neigung angenommen und wankte während des Läutens bedenklich. Die Seiten- und Giebelwände zeigten starke Risse, die bis zum Fundament durchgingen. Die Sitzbänke waren teilweise morsch und die Kirche war sehr feucht. 

Am 15. 8. 1861 beschloss der Kirchenvorstand den Bau einer neuen Kirche. Am 15. 8. 1862 wurden dem Kirchenvorstand die Pläne übergeben, am 19. 9. 1862 erfolgte die Grundsteinlegung. Am 6. 11. 1864 wurde die Kirche eingeweiht.

Der Parton der Seulberger Kirche war der Hessen-Homburger Landgraf Ferdinand. In dieser Zeit war Hessen-Homburg ein souveräner Staat im Deutschen Bund. Als 1866 - kurz nach dem Bau der Kirche - mit Landgraf Ferdinand der letzte männliche Vertreter des Hauses starb, fiel die Grafschaft an Hessen-Darmstadt. Nach dem Krieg von Königgrätz 1866 wurde sie an Preußen abgetreten. Preußen gliederte Homburg in die Provinz Hessen-Nassau ein.

Ein kurzer Blick auf die ev. Kirche in Friedrichsdorf: Landgraf Friedrich II hatte 1687 die ersten Hugenotten aufgenommen und Friedrichsdorf gegründet. Er vertrat die Einstellung: „Lieber lasse ich meine Silbergeräte verkaufen, als diesen Menschen die Hilfe zu versagen.“ 1717 wurde die erste Kirche gebaut. 1771 bekam Friedrichsdorf Stadtrechte. 1834 entstand die heute noch erhaltene Kirche.

Der Entwurf der Seulberger Kirche lag in der Verantwortung des großherzoglich-hessischen Baurats Dr. Weyland und des landgräflichen Bauassistenten Holler. In der Planungsphase sah man sich die neugotischen Kirchen in Sponheim, Limbach, Meisenheim und Bingen an. Letztere gefiel am besten, weswegen man sich bei der Planung an der Johanneskirche in Bingen (1858-1860) orientierte. Christian Holler lebte von 1819 bis 1903. Zu seinen Großbauten in Bad Homburg zählen die englische Kirche, die Synagoge in der Elisabethenstraße und die Landgraf-Ludwig-Schule. 1847 wurde Holler erster Stadtbaumeister, 1849 trat er als Bau-Assistent in den landgräflichen Dienst. Holler kannte wahrscheinlich den für die Bingener Kirche zuständigen Oberbaudirektor Moller. So wären die baulichen Gemeinsamkeiten mit der Johanneskirche zu erklären.

Nicht nur Architekten und Ingenieure waren damit beschäftigt den „neuen deutschen Baustil“ zu gestalten und umzusetzen, auch die Theologen beschäftigten sich in dieser Zeit mit Architekturfragen. 1861 beschloss die evangelische Kirchenkonferenz das Eisenacher Regulativ.  Darin wurde geregelt, worauf bei der Realisierung evangelischer Sakralbauten zukünftig zu achten ist: 

Es wäre interessant zu wissen, ob die Planer und Baumeister der Seulberger Kirche diese Vorgaben kannten. Wahrscheinlich war es so, denn bis auf die Ostung und die Kreuzform sind alle realisiert. Dass der Chor der Kirche nicht nach Osten ausgerichtet ist, hat mit der Lage des Grundstücks zu tun. Dass sie keine Kreuzform (Lang- und Querschiffe) hat, ist der Entscheidung geschuldet, eine Saalkirche zu bauen (optimale Platzausnutzung und geringere Kosten).

Schon wenige Jahre später, 1891, wurden im Wiesbadener Programm (anlässlich der Errichtung der Wiesbadener Ringkirche) andere Regeln erlassen: Das Eisenacher Regulativ wurde als zu starr empfunden. Die neuen Regeln verlangten:

Eine sehr interessante Beschreibung der Seulberger Kirche durch den Taunusboten im Jahr 1864 ist der Suleburc-Chronik zu entnehmen.