Der 50 m hohe Kirchturm

Das geschichtliche Umfeld

Der deutsche Historismus (1840-1900), imitierte die Stile Romanik, Gotik, Renaissance, Barock und Rokoko. Ein Erlebnis des Friedrich Schinkel (der Baumeister Preußens), macht das deutlich: Schinkel bekam vom Kronprinzen Friedrich Wilhelm den Auftrag für den Neubau der Kirche in Friedrichswerda. Er legte mehrere Entwürfe, u. a. einen in der Form eines römischen Tempels und einen neugotischen vor. Der Kronprinz entschied sich aus romantischer Neigung und weil, so die offizielle Begründung, dieser Stil besser in die Zeit passe, für das Gebäude im „Mittelalterstil“ (Gotik). Im Historismus war alles möglich.

In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts war man der Ansicht, die gotische Kunst sei ihrem Wesen nach eine deutsche Kunst, weil sie aus deutschem Wesen hervorgegangen sei. Selbst Goethe, der nach einem Besuch des Straßburger Münsters von der gotischen Architektur schwärmte („Von Deutscher Baukunst“ Johann Wolfgang Goethe, 1773), wusste offensichtlich nicht, dass der gotische Baustil französischer Herkunft ist. Kaum vorstellbar, denn in Frankreich gab es zu dieser Zeit über 30 riesige gotische Kathedralen, die in der Zeit von 1140 bis 1350 gebaut worden waren.

Eine Erklärung könnte sein, dass in Deutschland nach der Befreiung von Napoleon (1813-1815) ein großer Nationalstolz aufkam. Nachdem sich Kunst und Architektur lange an Frankreich und Italien orientiert hatten, wurde die Gotik als deutscher Nationalstil „entdeckt“. Auch der Protestantismus gehörte zur neuen Deutschen Identität.