Bericht des Taunusboten von 1864

Heute nun wollen wir uns speziell mit der vor kurzem vollendeten protestantischen Kirche in dem Nachbarorte Seulberg beschäftigen. Dieselbe wurde von zwei Jahren nach den Plänen und unter der persönlichen Leitung des Herrn Baumeisters Chr. Holler im Bau begonnen. Im ersten Jahre wurden die Fundamente bis zur Sockelhöhe ausgeführt, im folgenden Sommer wurde die Kirche unter Dach gebracht und in diesem Jahre schloß sich der Thurm dem übrigen an. Im letzten Spätsommer kam der innere Ausbau zur Vollendung, so daß die Kirche am 6. November eingeweiht werden konnte.

Der gothische Baustyl, der nach unserer Ansicht im allgemeinen nicht sehr passend für eine protestantische Kirche ist, wurde in diesem Falle mit großer Sorgfalt und Fleiß in das Ganze verwebt, so daß der Eindruck, den die äußere Facade auf den Beschauer macht, als ein sehr günstiger zu bezeichnen ist. Die Verhältnisse des Ganzen sind sehr edel und die Formen einfach, der Construction und dem Zweck entsprechend.

Der Thurm ist bei einer Höhe von 165 Werkfuß schön pyramidal und kräftig aufgebaut und wirkt nicht allein in der Nähe, sondern ragt auch weit in die Lüfte hinein und verleiht dem ganzen Dorf einen malerischen Reiz. Bis über die eigentliche Kirche ist der Querschnitt des Thurmes ein Viereck, von da aus geht dasselbe in ein Achteck über. Der Uebergang ist recht schön durch vier Fialen vermittelt; dieselben könnten etwas schlanker und mehr decoriert sein, damit auch hier der gothische Styl mehr seinem eigentlichen Wesen nach zur Erscheinung gebracht würde. Der Helm ist zierlich ausgeführt und auch recht schön mit Schiefer eingedeckt. Die Bekrönung des einfachen Kreuzes, das, wie uns scheint, auch nicht kräftig genug gehalten ist, wirkte rau, und der gesunde Sinn der Bewohner Seulbergs erkannte bald, daß noch etwas fehle, nämlich der Hahn. Derselbe wurde später auf das Kreuz gesetzt, wodurch auch der Abschluß besser bezeichnet ist. Wir finden es auch ganz gerechtfertigt, wenn dem Hahn auf einer protestantischen Kirche ein Plätzchen vergönnt wird. Der Hahn bezeichnet schon bei den ersten Christen die Wachsamkeit. In den Katakomben zu Rom sowie auf vielen altchristlichen Grabdenkmälern ist ein Hahn sinnbildlich angebracht der daran erinnert, daß der Christ wachsam sein soll.

Die Seitenfassaden und der Chor mit ihren Spitzbogenfenstern, die in edlem Verhältnis, mit durchbrochenem Laubwerk geziert sind, verbinden sich schön eines mit dem andern und verleihen der Kirche den Charakter der Ruhe. Die Bekrönung des Mauerwerks geschieht durch ein fortlaufendes Gesims mit Spitzbogenfries. Die Baumaterialien wurden in der bei uns gewöhnlichen Weise auch hier in Anwendung gebracht. Die Fundamente von Bruchsteinen, die Sockel, Thür- und Fenstereinfassung sowie Fialen von rothem Mainsandstein, das übrige Mauerwerk von Backsteinen, die in der Nähe gebrannt wurden, und sich auch recht gut zur Ausführung eigneten, die Verziehrungen der Fenster, sowie die Bekrönung der Fialen, sind von Gußeisen, das in neuerer Zeit der Billigkeit halber oft bei gothischen Kirchen in Anwendung kommt. Das Ganze ist gut und sauber ausgeführt und selbst der Blitzableiter fand seinen Platz.

Treten wir nun in das Innere der Kirche, so ist der erste Eindruck ein sehr wohlthuender zu nennen, besonders da das Licht durch die sinnreich gemalten Glasfenster grau in grau gedämpft wird und so dem ganzen eine gewisse Ruhe verleiht. Das Auge kann dadurch still umherblicken und der Geist betrachtet mit Liebe den Raum, der der Verehrung Gottes geweiht ist. Die eigentliche Kirche oder vielmehr das Schiff, ist ungefähr 48 Fuß breit und 84 Fuß lang, was für den Grundriß ein recht schönes Größenverhältnis abgibt. Die Höhe von beiläufig 37 Fuß bis an das Gesims, plus der Höhe des Dachstuhls mit 8 Fuß gibt zusammen 55 Fuß, welches Verhältnis ziemlich den Zweck, jedoch nicht ganz der Schönheit entspricht. Es ist etwas zu gedrückt für die Breite. Als Betsaal wäre die Höhe entsprechend und auch in Form der Holzdecke in akustischer Beziehung für eine protestantische Kirche, wo die Predigt die Hauptsache ist, ausgezeichnet. Jedoch betrachten wir das ganze als gothische Kirche, so ändert sich die Sache. Wurde einmal der gothische Baustil gewählt, so glauben wir, daß man sich auch streng den Prinzipien der Gothik unterwerfen mußte, ohne gerade Solare des Conventualen zu werden. Man kann noch mit vieler Freiheit die Formen behandeln, annähernd, wie es an der Wiesbadener prot. Kirche geschah, ohne vielleicht in den Fehler zu verfallen, wie er dort vorkam, wo daß Griechische und Römische mit den gothischen Formen vermischt sind. Abgesehen davon ist das Innere der Kirche zu Seulberg würdig und mit vielem Geschmack ausgestattet. Wir hätten freilich lieber Gewölbe als Holzdecke gesehen oder wenigstens der Farbenschmuck der Decke könnte ein anderer sein. Die gelbliche Holzfarbe wirkt auch mit erdrückend; hätte man vielleicht ein wenig mehr Farbe, vielleicht blauen Grund mit lncroustirungen (Einlagerungen) von Silber oder Gold angenommen, so hätten sich wahrscheinlich die Verhältnisse etwas geändert. Dies ist jedoch auch Nebensache und kann bei einer späteren Restauration wieder gutgemacht werden.